Übergriff und Deutungshoheit

Natürlich werde ich nicht und niemals der Übergriffigkeit das Wort reden. Auch gibt es für mich keinen Zweifel, dass dieser fette, hässliche, unsympathische Filmproduzent tatsächlich begangen hat, was man ihm vorwirft. (Vorverurteilung? Na klar!) Die Frage ist nur: warum macht man JETZT ein Drama draus? Ähnliches gab es doch schon immer! Oder nicht? Die „Besetzungscouch“ ist doch sprichwörtlich!

Und warum nur DER? Wo ist die Kritik am schwarzen Motherfucker, der seine Bitch demütigt? Und ebenso keinerlei Kritik an der „Stellung“ der Frau im islamischen Kulturraum und -zusammenhang?

Man merkt, dass mit Harvey Weinstein eine Figur des weißen Establishments getroffen werden soll. Und mit dem Juden ausnahmsweise mal nicht der Außenseiter, sondern gerade das Mitglied der Avantgarde (vermutlich spielten solche Überlegungen auch schon im traditionellen Antisemitismus eine Rolle). Also handelt es sich um einen weiteren Angriff aus den Reihen der Politischkorrekten auf das eigene Milieu. Nachdem man die Rückwendung zum Konservatismus sonst nicht wirklich aufhalten konnte, versucht man hier, eine neue Front aufzumachen.

Um wen es da im Speziellen geht, deutet das Titelbild des SPIEGEL Nr. 43/2017 an. Das blaue Jackett und die einfarbig rote Krawatte des Machtmissbrauchers gehören zur Tracht des amerikanischen Präsidenten Trump, der selbst im Ruch der Übergriffigkeit steht. Mit einem Artikel und einem Titelbild nach dem anderen versucht das Hamburger Magazin, gegen Trump zu opponieren. In dem Bild sieht man sein Gesicht zwar nicht. Aber ich denke (ohne nachzuschauen), dass es vom selben Karikaturisten stammt, der sonst auch für den SPIEGEL Trump runtermacht.

Es ist ja nicht so, dass man dergleichen nicht dürfte. Schließlich haben wir Pressefreiheit. Es stellt sich nur die Frage, ob die Welt mit einer derart einseitigen Vorgehensweise besser wird. Letzten Endes geht es doch nur um eine Verschiebung der Machtverhältnisse, indem die Politischkorrekten durch Anschwärzung eines bewusst eingeschränkten Täterkreises wieder ein Stück Deutungshoheit an sich reißen wollen.

Dass man sich als frauenfreundlicher Mann keine Illusionen zu machen braucht, für seine Haltung von den Protagonistinnen respektiert zu werden, macht die häufig vom SPIEGEL auf die AfD angesetzte Schreiberin Melanie Amann deutlich. Nicht nur, dass es ein schwerer Fehler seitens eines AfD-Mitglieds war, die stets griesgrämige Amann zum Lächeln animieren zu wollen. In ihrem Artikel in Nr. 45, S. 40 – 41, macht Amann deutlich, dass es nicht gegen die Sexisten, sondern gegen „die Netten, die Nicht-Sexisten“ geht.

Das Ziel ist, laut Amann, nämlich die „Beseitigung sexistischer Zustände insgesamt“. Was voraussetzt, dass man „die Zustände“ zunächst einmal als sexistisch deutet. Dagegen sollen sich Männer, in vorauseilendem Gehorsam, mit Frauen solidarisieren.

Sicher, das Ansprechen persönlicher Angelegenheiten, körperlicher Merkmale, und schlüpfrige Witze kann man sich Frauen gegenüber als Mann sparen. Letzten Endes wollen aber machtbewusste Frauen für ihre fachliche Durchsetzung Vorteile in Anspruch nehmen, in dem sie Nachteile behaupten. Ob es die wirklich gibt oder nicht, hängt vom Einzelfall ab, und nicht von einer generell unterstellten Unkultur des Sexismus. Ich erinnere daran, dass nicht Buntheit Toleranz schafft, sondern Toleranz Buntheit. Und nicht der Feminismus hat Frauenrechte geschaffen, sondern die Frauenrechte den Feminismus. Und Frauenrechte wurden seitens mächtiger Männer gewährt, am weitesten gehend in unserer westlichen Welt.

Ebenso wird diese Welt nicht schon dadurch noch besser, indem noch mehr Frauen in Machtpositionen gelangen als sowieso schon. Egal, ob Frauen wie Amann oder sonst wer das behaupten. Durch vorauseilenden Gehorsam erwirbt man sich keinen Respekt, schon gar nicht bei den Begünstigten. Weibliche Respektlosigkeiten sollte man dennoch nicht mit eigenen beantworten. Aber man kann vielleicht versuchen, eine Männerrunde so zu arrangieren, dass die Kolleginnen bestimmte Äußerungen mitbekommen. Das könnte die moralischen Machtverhältnisse wieder etwas austarieren.